Hamburger Tierschutzverein von 1841 e.V.
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Zweiter Reisebericht aus dem Hundelager Bucov: Warum wir tun, was wir tun

Meist sind es Frauen, die sich hier für die Hunde engagieren.Meist sind es Frauen, die sich hier für die Hunde engagieren.29. Juli 2016

Mein Bericht besteht diesmal insbesondere aus den Bildern der letzten Tage. Ich kann mit den Bildern so viel erzählen und tatsächlich fehlt mir an den Abenden nach dem Hundelager und nach dem Aussuchen der Bilder die Kraft für genaue Berichte. Aber zu manchen Umständen möchte ich dennoch einige Worte machen.

Alle Hunde in meinen Bildergalerien, die einen Namen haben, finden Sie in der Vermittlungsgalerie von ProDogRomania e.V.. Eine Ausnahme ist Ira. Iras Geschichte erzählen die Bilder. Ich habe heute gesagt, wenn die Hundefänger einmal was richtig Gutes getan haben dieser Tage, dann bei Ira. Ich denke sie ist froh, im Lager zu sein. Nie zuvor hat diese alte Hündin, die vielleicht ihr ganzes bisheriges Leben an der Kette verbracht hat, so viel Zuwendung erfahren, wie in den letzten Tagen. Ich habe Ira das Versprechen gegeben, wenn sie nun die erste Zeit im Lager überlebt, dass sie einmal erfährt, was es heißt, liebevoll umsorgt zu werden und sie nach Hamburg ausreisen kann. Aber dahin ist es noch langer Weg. Ira ist in schlechter Verfassung, sie wurde sicher noch nie geimpft. Sie konnte nicht wie andere Neuankömmlinge kastriert werden. Für alte Hunde endet eine Ansteckung mit einer der vielen im Lager vorhandenen Erkrankungen häufig tödlich, insbesondere die Staupe. Nur junge Hunde haben eine, wenn auch geringe Überlebenschance. Die Tierärztin Irina hat Ira auch gleich ins Herz geschlossen und daher habe ich sie auch mit einem ähnlichen Namen versehen. Irina wird nun auf Ira achten und mir Bescheid geben, wenn Ira nach etwas Genesung und Impfungen reisefähig geworden sein sollte.

Eine wichtige Aufgabe ist die Erfassung der Hunde, es ist ihre einzige Chance, das Lager zu verlassen. Bei der großen Hitze kein einfaches Unterfangen, denn die Hunde bleiben auf ihren Schattenplätzchen, soweit sie einen erobern konnten, sie sind müde und hecheln ständig, sodass die Fotos sie nicht wirklich gut wiedergeben. Also braucht man Ausdauer, um mal wirklich ein paar gute Bilder zu machen, denn nur ein ordentliches Foto bedeutet die Möglichkeit auf ein Leben außerhalb des Lagers. Oft wünsche ich mir, dass Adoptanten anders an die Auswahl ihres Hundes gehen, dass sie ein Anforderungsprofil benennen, das zu ihren Lebensumständen passt und dem, was sie zu leisten bereit sind und dann einfach den Hund nehmen, der dazu passt. Meist wird nach dem Aussehen ausgesucht und es erscheint mir zumindest, wenn ich hier bin, manchmal recht absurd, wie vorgegangen wird. Muss es immer Liebe auf den ersten Blick sein?

Ich denke auch, damit schlagen wir den falschen Weg ein. Ich habe stets Sorge, wohin Entwicklungen im Auslandstierschutz gehen. Ich halte weder private kleine Tierheime oder Auffangstationen für die Lösung, noch halte ich die Entwicklung dahin für wesentlich hilfreich. In den staatlichen Lagern muss sich ein Wandel vollziehen.
Daher hilft der HTV im staatlichen Hundelager Bucov.

Ich halte es auch für problematisch, wenn der Tierschutz durch kleine Stationen, in denen Welpen und Junghunde gepäppelt werden können, einerseits die Hundebestände erhöht und andererseits das Signal gibt, der Tierschutz ist an diesen Tieren besonders interessiert.
Es besteht die berechtigte Sorge, dass dann weniger Interesse da ist, das Übel an der Wurzel zu fassen. Der HTV nimmt weder Welpen noch besonders viele Junghunde auf, auch da es für mich eine unsägliche Vorstellung ist, dass diese Hunde dann eventuell weitere Nachkommen in Deutschland bekommen. Wir nehmen in aller Regel nur kastrierte Hunde auf. Und hier im Lager sehen mich die Arbeiter und Verantwortlichen nicht hauptsächlich bei den Welpen. Diese haben hier trotz aller Verbesserungen nach wie vor schlechte Überlebenschancen und ich möchte mir auch nicht vorstellen, wie es hier aussähe, wenn wir das grundlegend verändern würden. Die Hunde, die ausreisen sind nur ein kleiner Bruchteil, die allermeisten Hunde verlassen das Lager nicht lebend.

In dieser Woche haben wir zweieinhalb Kastrationstage und nichts ist wichtiger. Keine Vermehrung mehr im Lager und wenn das Standard und Routine geworden ist, dann müssen alle Beteiligten überzeugt werden, das wir raus müssen und die Besitzerhunde kastrieren.
Aber jetzt kommt mir bitte keiner mit dem Hinweis, es müsste sofort eine Kastrationspflicht für alle Hunde in Rumänien geben und die müsste auch streng kontrolliert werden, denn davon träumen wir Tierschützer schon Jahrzehnte im so fortschrittlichen Deutschland und nicht mal in der ach so kultivierten Weltstadt Hamburg hatten und haben die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung ein Interesse an einer Kastrationspflicht für Freigängerkatzen. Natürlich fordern wir es in Hamburg wie in Ploiesti, aber nur mit Fordern kommt man nicht weiter. Derweil packen wir mit an, in Hamburg mit unseren Katzenretterinnen und der Kastration jeder Katze und hier eben auch durch Kastrationen, die Übernahme von Hunden und dem Vorort-Einsatz.

Zwei junge Frauen aus Berlin, Jessica und Sonja, helfen für eine Woche, sie waren nur kurz erschlagen von der Situation und sie haben schnell verstanden, dass hier gänzlich andere Regeln und Maßstäbe herrschen, als in einem deutschen Tierheim. Hier geht es jeden Tag um die Sicherung der existenziellen Bedürfnisse, vielmehr ist nicht möglich. Und ich bin der festen Überzeugung, wir können nur sinnvoll vor Ort helfen, wenn wir es schaffen, auf der Grundlage der hiesigen Verhältnisse zu denken.
Die Hunde im Lager brauchen erträgliche Zwingergrößen, täglich Wasser, regelmäßig Futter, Witterungsschutz, Impfungen und tierärztliche Behandlung im Notfall.
Decken oder Spielsachen bringen hier niemanden weiter. Wenn etwas Besonderes hier nötig ist, dann ist es Stroh, im Winter überlebenswichtig, im Sommer hilfreich als Einstreu, aber auch als Beschäftigungsmaterial. Es ist toll zu sehen, wie viel Freude die Hunde am frischen Stroh haben. Als Bodenbelag ist es hilfreich, weil es einfach entfernt werden kann. Ausmisten ist immer noch die einfachste Art zu reinigen, aber dann bitte auch unter den Hütten. Leider sind wir von einem umfassenden Einsatz von Stroh noch weit entfernt und bisher muss es auch durch den Tierschutz finanziert werden.

Zwei der drei jungen Frauen, die jetzt hier helfen, sind Tierarzthelferinnen in Deutschland und die Diskrepanz zu dem, was wir in Deutschland teilweise an Aufwand betreiben und für normal halten, wird ihnen hier sehr deutlich bewusst.

Ich konnte dank der Volontärin Emily und der beiden Tierschützerinnen aus Berlin mit einer „Inventur“ des Lagers beginnen.
Im letzten Jahr konnte ich dank der Volontärin Rabea mit der kompletten und fortlaufenden Beschilderung aller Ausläufe beginnen und tatsächlich haben wir diese Informationen jetzt für die Arbeit vor Ort. Rabea hatte einen Plan des Geländes erstellt und Jessica wird jetzt die neu gebauten oder geteilten Ausläufe hinzufügen. Mit diesem Plan und der begonnenen Inventurliste werde ich in der nächsten Woche zum neuen Direktor gehen und um die Fortsetzung beziehungsweise Ergänzung der Beschilderung bitten. Diese ist nicht nur sehr wichtig für die Erfassung der Hunde, sondern auch für die korrekte Verteilung der so wichtigen Ressourcen wie Wasser- und Futtertröge oder der Hütten, für die ProDogRomania immer wieder sorgt, die dann in den über 160 Ausläufe und Zwingern richtig ankommen sollten.

Wenn unsere Hilfe für die Verantwortlichen vor Ort wertvoll ist, dann akzeptieren sie uns und wir haben Verhandlungsspielraum. Genau darum geht es auch bei der Arbeit von ProDogRomania, neben der Rettung einzelner Individuen.
Regelmäßig muss ich mir anhören, diese Arbeit würde nichts bringen und die Tierschutzprobleme müssten vor Ort gelöst werden. Gerne kommt auch das Schlagwort von der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Einverstanden, aber dafür reicht es nicht, nur Forderungen zu stellen. Dafür muss man Mitwirken vor Ort und ich bin absolut sicher, dass auch die Unterstützung des Hamburger Tierschutzvereins im Hundelager in Bucov wesentliche Spuren hinterlässt, eben weil wir nicht nur Hunde abnehmen.

Mir wird hier gesagt, ja Sandra, jetzt wird auch besonders viel gearbeitet, weil du hier bist. Ist doch gut, wenn das anspornt und man eben auch zeigen will, dass man es kann. Und obwohl ich leider nicht rumänisch spreche, verstehe ich, wenn die Arbeiter sich zuraunen, jetzt machen wir es im German style. Aber wenn das heißt, dass die Hunde im Hundewagen übers Gelände gefahren werden und nicht an den Fangschlingen durch die Gegend gezerrt werden, ist das doch gut.
Und wenn ich beim neuen Direktor sagen kann, wie gut diese Veränderung ist und das ProDogRomania bereit ist, dann auch weitere Hundewagen zur Verfügung zu stellen, dann ist doch was gewonnen für alle.
Ganz klar ist auch für mich, je länger und intensiver die Zusammenarbeit ist, desto mehr kann man bewirken, daher war es für den HTV auch keine Option, mal hier und mal dort Hunde aufzunehmen, denn allein die Hundeaufnahme verändert die Verhältnisse nicht.

Bitte schauen Sie in die Bildergalerie.


Am Montag werde ich Sie um Ihre Unterstützung bitten, für die Ausreise der nächsten zwölf Schützlinge des HTV. Diese hier auszusuchen ist keine schöne Aufgabe, da auf jeden, den ich aussuche, mindestens 100 Hunde kommen, die ich zurücklasse, aber sie dann in Hamburg in Empfang zu nehmen, ist eine wunderbare Aufgabe, die auch mir die Kraft gibt, mich so manchem Elend immer wieder zu stellen und auch da zu verhandeln und mich einzubringen, wo es nicht nur Applaus dafür gibt.

Ihre Sandra Gulla
1. Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins von 1841 e. V.
Projektkoordinatorin Auslandstierschutz Rumänien


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