Exotenhandel: Hilferuf von 30 Tierheimen und Auffangstationen an die Politik

Immer mehr Exoten, so wie die Bartagamen Selma und Patty, landen im Tierheim.Pressemitteilung vom 27. April 2017

In einem gemeinsamen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt fordern 30 deutsche Tierheime und Auffangstationen, darunter der Hamburger Tierschutzverein, den Handel und die Haltung von exotischen Wildtieren endlich einzuschränken.

Zu Beginn der Legislaturperiode hatten die Leiter der Tierheime noch große Hoffnung, dass sich etwas ändert, denn im Koalitionsvertrag war eine Regelung des Handels mit Wildtieren vereinbart – doch weit gefehlt, die Situation ist noch prekärer geworden.

Normalerweise versorgen Tierheime ausgesetzte Hunde und Auffangstationen verwaiste heimische Rehkitze – doch seit längerem bereitet ein anderes Thema den Stationen große Kopfschmerzen: Zu groß gewordene Leguane, vereinsamte Äffchen und kranke Karakale finden immer häufiger ihren Weg in Tierheime und Auffangstationen. Grund für die Exoten-Schwemme ist laut Dr. Sandra Giltner vom Tierheim München der einfache Zugang zu  den diversesten Wildtieren als Haustiere: „Jeder kann sich auf einer Exoten-Börse ein Wildtier kaufen und das ohne jegliche Vorkenntnisse.“ Sie weiß aus Erfahrung, welche Probleme dadurch entstehen können: Im Münchner Tierheim saßen schon Nasenbären, diverse Affen und ein Känguru. „Unser Personal ist zur Pflege von Hunden und Katzen geschult. Die Aufnahme von Exoten stellt uns vor enorme Herausforderungen – finanziell sowie personell.“

„Wir bauen in unseren Tierheimen immer größere Exotenstationen, müssen um immer mehr Spendengelder bitten, um die verschiedenen Tierarten auch nur annähernd artgemäß unterzubringen und zu versorgen. Und das alles nur, weil in einem völlig unregulierten Markt, der das einzelne Tier ohne Rücksicht auf Verluste nur als handelbare Ware benutzt, einige an dem Exotenelend verdienen und einige sich an Exotenhaltung ergötzen wollen“, sagt Sandra Gulla, 1. Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins von 1841 e.V.

Unterstützung von politischer Seite gibt es kaum – das weiß auch Olaf Neuendorf, der Leiter der Auffangstation für Raubkatzen und andere exotische Tiere in Ansbach. Die Auffangstation steht vor dem Aus, denn das Gelände, auf dem unter anderem Tiger, Füchse und Affen ein neues Zuhause gefunden haben, soll verkauft werden. Ein Antrag für finanzielle Unterstützung wurde vom Umweltausschuss des Bayerischen Landtags erst kürzlich abgelehnt. „Ein Tierschützer würde sein letztes Hemd geben, um ein Tier zu retten! Das wissen die Politiker, deswegen sehen sie auch keine Dringlichkeit zu handeln – sie verlassen sich darauf, dass wir das schon irgendwie hinkriegen. Aber wir sind am Ende unserer Möglichkeiten“, so Neuendorf.

Die Lage spitzt sich zu: Oftmals können die Veterinärbehörden Tiere aus schlechter Privathaltung nicht beschlagnahmen, da sie nicht wissen, wo die Tiere untergebracht werden können. Ein Ausweg scheint die Verlagerung des Problems ins Ausland: Die Auffangstation AAP in den Niederlanden hat in den vergangenen Jahren fast 200 Tiere aus Deutschland aufgenommen. Kostenpunkt für die durch Spenden finanzierte Station: Fünf Millionen Euro für Rettung und Verpflegung der Tiere.

Im Herbst 2013 beschlossen die Koalitionspartner u.a., gewerbliche Tierbörsen zu verbieten und den Handel mit und die Haltung von Wildtieren in Privathand zu regulieren. Das ist nicht geschehen – stattdessen gibt es Aufschiebemanöver. Auch der neuste Streich des Bundeslandwirtschaftsministeriums lässt wenig hoffen: Auf der Online-Plattform „Haustier-Berater“ (haustier-berater.de) werden exotische Tiere, darunter Sugar Glider, Chamäleons und Weißbauchigel, vorgestellt und weitgehend unkritische Tipps zur Haltung gegeben.

Für Neuendorf, Mit-Initiator des Briefes, ist deshalb klar: „Politische Entscheidungen werden am Schreibtisch getroffen, welche Probleme wir in unseren Tierheimen haben, scheint dabei nicht sichtbar zu sein“.

Der gemeinsame Brief wurde von 30 Tierschutz-Einrichtungen unterschrieben – unter ihnen die größten Tierheime Deutschlands: Tierschutzverein Augsburg, Tierheim Bergheim, Tierschutzverein Berlin, Tierschutz Braunschweig, Tierschutzverein Dachau, Tierheim Köln-Dellbrück, Tierschutzverein Düsseldorf, Tierschutzverein Garmisch-Partenkirchen, Hamburger Tierschutzverein, Tier- und Naturschutzverein Hilden, Tierhilfe Kelheim/Abensberg, Tierschutzverein Koblenz, Tierschutzverein Leipzig und Umgebung, Tierheim München, Tierschutzverein München, Tierschutzverein Nürnberg-Fürth, Tierschutzverein Oberkirch-Renchtal, Tierschutzverein Pforzheim & Umgebung, Tierheim Recklinghausen, Tierschutzverein Siegen, Tierschutzverein Stuttgart, Tierschutzverein Zwickau sowie die Wildtier-Auffangstationen AAP Rescue Centre for Exotic Animals (Holland), Raubtier- und Exotenasyl Ansbach, Reptilienstation Weidefeld, Robbenzentrum Föhr, Tierhuus Insel Föhr, Wildtierarche Rodgau, Wildtierauffangstation Rastede, Wildtierstation Hamburg /Wildtier- und Artenschutzzentrum.


Bitte lesen Sie den gemeinsamen Brief der 30 Tierheime und Auffangstationen mit den wichtigen Tierschutzforderungen zu Exotenhandel und -haltung:



Mehr Informationen über die neue Reptilienstation des Hamburger Tierschutzvereins finden Sie hier.

Weiterführende Informationen über exotische Säuger als Haustiere liefert die Studie „Endstation Wohnzimmer“ der Organisation Pro Wildlife.